Vorgestern war ich beim HSV Handball. Zum ersten Mal. Was ich dort erleben durfte, war dann aber ein kleiner Kulturschock für mich, den Fußballfan.
Der HSV Handball ist - soviel zur Erklärung - nicht Teil unseres geliebten Hamburger Sport Vereins. Die Handballer haben nur die Rechte, den Bekanntheitsgrad von Namen und Logo nutzen zu dürfen. Mehr aber auch nicht. Die HSV Handballer spielen aber in der 1. Bundesliga und das sogar sehr erfolgreich, sind sie doch Tabellenführer. Und in der Color Line Arena soll bei den Heimspielen gut was los sein. Also wollte ich mir das auch mal selbst anschauen.
So habe ich mir Tickets für das Spiel gegen den Tabellenachten VfL Gummersbach (keinen Schimmer, wo das liegt?!?!) besorgt: knapp 25 Euro für einen Platz im Oberrang, also ähnlich wie in der HSH Nordbank Arena.
Doch schon mit der Anfahrt Richtung Stellingen begab ich mich in völlig neues Terrain. Die S-Bahn war leer. Die üblichen Berufspendler, sowie ein paar Handballfans sitzen in der S21, aber nahezu jeder Gast kann einen Sitzplatz finden, ganz entspannt. Auch in Stellingen kein großer Ansturm, am Shuttle Imbiss kann man in Ruhe noch eine Bratwurt bestellen. Nur Pommes gibt es scheinbar nicht, wenn Handball ist (dabei spielt doch Pommes sogar beim HSV). Auch der Shuttlebus ist nicht voll und man kann einsteigen, ohne erdrückt zu werden. Alles ganz entspannt.
Angekommen in der Arena, muss man erstmal die Getränkversorgung checken. Der halbe Liter Bier kostet hier 3,90 € - Holla, die Waldfee! Dafür muss man aber nicht anstehen und wird direkt bedient. Noch phantastischer ist natürlich die Toiletten-Situation: 10 freie, saubere Pissoirs warten darauf, dass Mann sich erleichtern muss. Welch Luxus!
Nun aber endlich ins Innere der Halle und die Plätze eingenommen. Diese sind super, mit einem tollen Blick. Und man ist unheimlich nah am Spielfeld. Von diesem Platz aus könnte man das taktische Geschehen bestimmt super analysieren - wenn ich Ahnung vom Handball hätte. Habe ich aber nicht, ich kenne nur den Pommes, weil der so unglaublich groß ist. Und Jansen kenne ich noch, weil den gibts ja bei uns auch. Und natürlich den Torwart Jogi Bitter, wobei ich mich immer wieder frage, wozu man beim Handball zwei Torhüter braucht und diese nach Belieben durchtauscht.
In der Halle ist es vor allem eines - laut! Allerdings grenzwertig laut, an der Grenze zum Plärrigen (kennt ihr dieses Wort oder ist das eine Erfindung meinerseits für Töne, die nicht sauber wiedergegeben werden?). Schlimme Erinnerungen werden wach an die Gelsenkirchener Turnhalle, in der eine ähnlich unangenehme Akkustik herrscht.
Zum Einlaufen der Mannschaften beginnt dann die große Show: Die Halle wird verdunkelt und eingenebelt und es erscheint unter tosendem Gejubel der Zuschauer - eine blaue Fliege (oder ist es eine Mücke?), das HSV-Maskottchen. Welch ein Ereignis! Als nächstes kommen - von einem Spotlight begleitet - die beiden Schiedsrichter auf den Platz und präsentieren sich der Menge - und die Menge jubelt. Skandal, was ist hier denn los? Seit wann werden denn Schiedsrichter bejubelt, das habe ich ja noch nie gesehen und (als Schiri) auch nie erleben dürfen. Doch es wird noch verrückter: Die Gastmannschaft läuft ein und ich stelle mich schonmal auf ein gellendes Pfeifkonzert ein. Doch stattdessen - Überraschung - Jubel! Ja, können die Leute hier denn nichts anderes? Zumindest können sie ihren Jubel noch deutlich steigern, denn jetzt kommt der HSV auf den Platz und es wird richtig laut, dazu ein kleines Feuerwerk. Nett.
Während des Spiels ist die Stimmung überraschend gut. Es gibt eine kleine Gruppe “Ultras” hinterm Tor, die aber mit jeder Menge Trommeln (die Trommler dürfen direkt am Spielfeldrand SITZEN) den Rhytmus vorgibt und die ganze Halle klatscht mit. Das ist zwar nicht gerade besonders kreativ, aber dennoch ein wenig imposant. Gästefans gibt es im Übrigen keinen einzigen.
Tore fallen beim Handball ja im Minutentakt, sodass eigentlich immer etwas los ist und das Publikum gar nicht aufhören kann zu klatschen. Aber irgendwie will mich das ganze nicht mitreissen, vielleicht ist Handball auch nicht mein Sport. Mir fehlen hier auf alle Fälle ein wenig die aufreibenden Momente; es fallen soviele Tore, dass ein Tor auch schon wieder gar nichts Besonderes mehr ist. Und man muss immer wieder zur Anzeigetafel schauen um sich zu vergewissern, wie es eigentlich gerade steht. Dieses besondere Ereignis eines Tores, dieses Emotionsfeuerwerk, diese pure Freude fehlt mir einfach. Denn Tore sind im Fußball einfach noch etwas einmaliges, sie fallen eben nicht am Fließband. Und ein Tor kann teilweise über Sieg oder Niederlage entscheiden und 90 Minuten Fußball völlig auf den Kopf stellen. Natürlich gibt es auch Spiele, die langweilig sind (weil gar keine Tore fallen) und die 60 Minuten Handball sind wirklich schnell umgegangen, aber dieses unglaubliche Torgefühl fehlt einfach. Und vielleicht hat es mich daher nicht mitgerissen.
Das Event an sich war für mich - wie oben mehrfach angedeutet - einfach ein Kulturschock. Hier war alles so anders, so entspannt und locker und so nahezu perfekt organisiert. Teilweise aber so sehr, dass es schon wieder etwas steril wirkt - und damit meine ich nicht nur die Toiletten. Natürlich ist es toll, eine ganz entspannte Anreise zu einem Spiel zu genießen, nicht erdrückt zu werden im Shuttelbus und nicht von sturzbesoffenen Idioten angerülpst zu werden. Aber es fehlt ein wenig das Flair, das besondere Etwas, das Fußball für mich zu einem Kulterlebnis macht. Die Kurve, in der es nach Schweiß und Bier stinkt, in der Jung und Alt gemeinsam zittert und leidet, in der Geschäftsmänner für 90 Minuten die Etikette missachten und die gegnerische Mannschaft verfluchen und der perfekte Moment, der Moment des Torerfolgs.
So verlasse ich die Color-Line-Arena dann nach einem schönen Sport-Abend mit einem ehrfürchtigen Blick in Richtung Volksparkstadion, dass dort ganz ruhig und in einem blauen Schimmer vor uns liegt. Und ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch dort und auf den nächsten perfekten HSV-Moment.
P.S: Am Ende hat der HSV Handball übrigens völlig überraschend verloren und sicher eingeplante Punkte im Meisterschaftsrennen liegen gelassen - zumindest das kam mir dann doch sehr bekannt vor.